KRIEGSSCHIFFE
Heute sind wir mit einer der Deutschlehrerinnen zum Baden ans Mittelmeer gefahren. Sie wollten diesen (mehr oder weniger) freien Tag nutzen um uns die Möglichkeit zu geben dorthin zu kommen und uns ein bisschen besser kennenzulernen.Um zwei Uhr also - in den Uralt Fiat Punto eingestiegen, durch das große Talitha Tor am Wächter vorbei, den Berg hinunter, direkt auf die Siedlerstraße 60 durch den ersten Checkpoint auf den Weg, in Richtung Küste gemacht. Unser Ziel war ein kleiner Strand zwischen Ashdod und Ashqelon. Knappe 20 Kilometer vom Gazastreifen entfernt.
Schwer zu beschreiben wie es einem persönlich geht, wenn man auf dieser Straße fährt, welche weitestgehend nur für Israelis und Internationale befahrbar ist, obwohl sie mitten durch den südwestlichen Teil der Westbank führt. Man kriegt beinahe ein schlechtes Gewissen...
Man fährt durch eine wunderschöne Landschaft. Zypressen, die sich vor dem azurblauen Himmel auftürmen. Die Hänge bedeckende Olivenhaine und immer wieder kleine Wäldchen in der sonst eher savannenähnlichen Vegetation.
Ein Bild, welches aber immer wieder durch bedrohlich wirkende Wachtürme, bewaffnete Patrouillen und meterhohe Zäune getrübt wird. Besonders beeindruckend fand ich das Bild eines Flüchtlingslagers, welches direkt an der Straße liegt und aus diesem Grund wohl besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Die Häuser grenzen unmittelbar an die Straße, sind aber durch einen Zaun und teilweise durch eine Mauer von dieser getrennt.
In Abständen finden sich hier auch mehrere Wachtürme. Dies sind Türme derer Bauart wie man sie noch von der innerdeutschen Trennung kennt - sehr massive, hohe Gebilde, die kleine Schlitze am oberen Rand haben aus welchen hinausgesehen/hinausgeschossen werden kann. Stets sind sie in einem kalten und bedrohlich wirkenden grau gehalten - was ihrer Funktion nur zu gut entspricht. Man verspürt eine Tristesse wenn man auf der gut instand gehaltenen Straße an solch einem Lager vorbeifährt.
Ein Teil der Strecke wird von Israelis und Palästinensern gemeinschaftlich genutzt. Wie da die Bestimmungen sind weiss ich nicht aber ich kann mir nur schwer vorstellen, bzw bin davon ueberzeugt, dass auch hier nicht jeder fahren darf .
Am Straßenrand sitzen oder liegen immer mal wieder Männer oder Kinder an ihren Ständen.
Manche haben Esel dabei, auf welchen sie ihre Waren dorthin bringen.
Langsam verändert sich die Vegetation und man wird sich über die fantastische Natur der Region Palästina bewusst. Es gibt eine ausserordentliche Reichhaltigkeit an verschiedensten Landschaftsformen hier.
Je näher wir der eigentlichen Grenze zu Israel kommen desto grüner wird es.
Beim Überqueren der Grenze ändert sich alles schlagartig. Man fährt an grünen Feldern mit allen möglichen Anbauprodukten vorbei.
Eine unmenge Wasser wird für diese Form des Anbaus genutzt. Durch billiges (eigentlich kaum vorhandenes) Wasser wird die Landwirtschaft in Israel subventioniert.
Hier gibt es jetzt immer wieder durch Betonblockaden geschützte Bushaltestellen an welchen aber zumeist nur Soldaten und Soldatinnen zu sehen sind. Männer müssen in Israel einen dreijährigen Militärdienst antreten wenn sie 18 sind. (Die sind so alt/oder sogar jünger als ich ... ) Frauen sind nur zwei Jahre zu diesem Dienst verpflichtet. Jeder in diesem Alter muss diesen Dienst antreten - ausgenommen sind die ultraorthodoxen Juden, welche aber auch jegliche Art von Arbeit ablehnen und vom Staat gefördert werden.
Ibrahim, der Taxifahrer, erzählte mir gestern, dass es in den 80-ern wohl Orthodoxe gab, die sich den Zeigefinger abschnitten um nicht mehr in der Lage zu sein eine Waffe abzufeuern und so dem Militärdienst zu entgehen.
Sarkastisches Schmunzeln erregte das Schild, welches Gaza Stadt in 21 km zu unserer Linken ausschilderte. Direkt danach kam eine der Siedlungen welche vor der Räumung noch im Gazastreifens gelegen hatte und welche man nun komplett auf israelischen Boden verlegt hatte. Diese Räumungen waren damals in westlichen Medien als großer Schritt für den Konflikt gewertet worden. Wenn man sich aber mal eine Karte anschaut, dann erkennt man wie paradox die Lage im Grunde aber ist. Wen es interessiert:
http://www.ochaopt.org/documents/Booklet_Gov_A3_Maps_March07.pdf
Auf Seite 16 befindet sich eine Überisicht über die Region in welcher ich momentan bin.
Na ja - aber zurück zum Thema.
Nach nicht mehr allzu langer Zeit waren wir am Ziel angekommen. Für 15 Schekel Gebühr ging es auf den Parkplatz und über einige, die Geschwindigkeit senkende, Bodenwellen schließlich an den Strand.
Es herrschten mindestens 35 Grad - nichts aussergewöhnliches mehr für uns - aber der Sand schien diese Temperatur noch um einiges zu übertreffen.
Sofort fielen einem die vielen Schiffe am Horizont auf.
Auch das Wasser war nicht wirklich erfrischend, denn es hatte mindestens 25 Grad - eine angenehme Temperatur um die Zeit im Wasser nicht zu kurz zu halten aber nichts gegen die Hitze.
Um uns etwas zu trinken zu holen ging es an die nahe Strandbar, wo ich sagenhafte 50 Schekel für Apfelschorle und Pommes zahlte - Preise, die selbst für Europa ziemlich hoch wären. (50 Nis = ca 12€)
In Bethlehem wäre man vielleicht auf maximal 20 Schekel gekommen.
Als ich den Barkeeper fragte was es denn mit den ganzen Schiffen vor der Küste auf sich hätte, sah das Gespräch ungefähr so aus:
"Whats up with all those ships out there?"
"Its the Israelian Navy - they are protecting the coast"
"Protecting the border? Who are they protecting it against?"
"Against the terrorists..."
"ouuhh ... which terrorists?"
"against the terrorists from egypt"
Eine Antwort wie aus dem Bilderbuch...
Es war ein wunderschöner Tag, der von einem atemberaubenden Sonnenuntergang gekrönt wurde - wie beinahe jeden Abend hier, aber irgendwie war es ein komisches Gefühl, all diese Priviliegien in Anspruch nehmen zu können, während die Meisten Leute, welche einen umgeben nicht einmal in der Lage sind in das 10km entfernte Jerusalem zu gehen. Nicht einmal an ihren Feiertagen...
Solche Ereignisse geben mir viel zu denken!
Danke an alle, die mir so etwas ermöglichen und auch ein Dank an diejenigen, die sich von der Länge dieses Artikels nicht haben abschrecken lassen und ihn trotzdem gelesen haben :-)
Euer Peer
...Am Horizont schippern drei Fregatten...
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