Meine Gastfamilie

Meine GastfamilieEs steht fest, ich werde in eine Gastfamilie ziehen. Zunächst einmal werde ich für nur eine Woche bei ihnen wohnen und wenn es gut klappt vielleicht für einen viel längeren Zeitraum dort hinziehen.
Es ist eine muslimische Familie. Nichts besonderes in einem Land, in welchem 98% der Bevölkerung muslimisch sind. Für mich jedoch eine kleine Sensation, denn durch die Arbeit in Talitha kommen wir sehr viel mit palästinensischen Christen in Kontakt, die zwar eine Minderheit in Palästine bilden - in Beit Jala jedoch noch immer mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Zusammen mit Beit Sahour ist Beit Jala somit eine/s der zwei Städte/Dörfer die eine christliche Mehrheit ausmachen. Generell ist es Auslagungssache wie viel diese Menschen voneinander unterscheidet. Es sind Palästinenser und Palästina ist ihre Heimat. Christen und Muslime wollen einen Palästinenserstaat, beide leiden unter der Besatzung durch die Israelis, sowie den Mauerbau. Viele Gemeinsamkeiten kann man auch gesellschaftlich bei beiden Religionsgruppen entdecken. Die Art zu heiraten und auch die Art wie Mann und Frau zueinander finden haben sehr viel gemein. Die Familie spielt eine sehr große Rolle und steht über jeglicher ausserfamiliärer Freundschaft - auch heute noch ist die Ehre der Familie sehr wichtig. Viele Probleme und Hürden werden innerhalb des Familienbundes gelöst. Auf der Seite der Christen wie auch der Moslems.
Trotzdem gibt es eine feine Trennlinie, der die Gruppen auseinander hält - der Glaube.
Meinem Gefühl nach, worin ich mich auch täuschen kann, definiert man sich hier zuerst durch seinen Glaube und dann als Palästinenser. Manche Christen, von welchen ich zum Glück bisher nur sehr wenige getroffen habe, sind stark von Vorurteilen gegenüber Moslems belastet. Interessanterweise scheinen die Unterschiede zwischen Moslems und Christen innerhalb Talithas keine Rolle zu spielen. Bis jetzt war dies immer der Konsens, wenn ich diese Frage an irgendjemand richtete, der etwas mit Talitha zu tun hat.
Vielleicht liegt dies daran, dass man einfach keinen Unterschied erkennt, wenn man sein Leben lang nebeneinander lernt und aufwächst!?
Mir jedenfalls war es wichtig, dass ich in eine muslimische Gastfamilie komme, da ich generell schon sehr viel Zeit mit Christen verbringe und ich gerne mehr über den Islam und das Leben palästinensischer Moslems lernen wollte.
Shiraa, die Organisation, mit welcher ich im Flüchtlingslager Deheische zusammenarbeite hat auf meine Anfrage bezüglich einer potentiellen Familie im Flüchtlingslager sofort mit Hilfsbereitschaft reagiert. Innerhalb einer Woche war eine Familie gefunden, die aus dem Dorf Doha, welches zwischen Beith Jala und somit Talitha und Deheische liegt und demnach perfekt wäre um auch morgens nach Talitha zur Arbeit zu kommen. Der zweitälteste Sohn der Familie hatte auch schon mit Shiraa zusammengearbeitet und studiert im Augenblick English an der "Open Al-Qudz University" in Beith Jala. Bei unserem ersten Treffen nahm er mich sofort in Beschlag und machte allerlei Vorschläge, was man denn unternehmen könnte und dass ich am besten gleich in den kommenden Tagen zu seiner Familie kommen sollte. Natürlich war ich sehr froh, dass sich sofort jemand fand, der mich gern für eine Weile aufnehmen würde, aber da ich diese Familie überhaupt nicht kannte schlug ich vor, dass wir uns erstmal in Talitha treffen sollten um auch mit Kristina, unserer Betreuerin über die Möglichkeit auszuziehen zu reden.
Dieses Treffen lief auch ohne Probleme - aber denoch konnte ich ein komisches Gefühl nicht loswerden.
Ich beschloss das ganze erstmal langsam anzugehen.
Talitha ist wie eine kleine sichere Burg geworden und zwar fühle ich mich auch ausserhalb wohl, weiss aber, dass ein Auszug ein weiterer Schritt und eine große neue Erfahrung sein würde - wahrscheinlich löste sich deswegen das komische Gefühl auch erst vor zwei Tagen weitestgehend auf, als ich bei Familie Ghaneim zum Essen war und ich mit sehr viel Wärme empfangen wurde. Zwar waren alle ein wenig im Stress, da diese Woche eine Hochzeit anstehen wird, aber trotzdem kam ich nicht drum herum tausende Fragen zu beantworten, was manchmal sehr lustig endete, da die Mutter weitestgehend nur arabisch spricht und ich mit meinen sich ständig wiederholendem Arabischvokabular nur bedingt verständigungsfähig war. Das Kopftuch, welches den Kopf der Schwester und der Mutter beim Hereinkommen noch bedeckte war in wenigen Sekunden in irgendeiner Ecke verschunden und die Schwester offenbarte schöne schwarze Locken, die der Mutter hatten schon in einen leichten Grauton. Der Unterschied mit und ohne Tuch war wie Tag und Nacht und zunächst irritierte es mich etwas Muslime ohne Kopftuch zu sehen ...
Wir redeten für eine lange Zeit in einem Arabisch-Englisch-Mix, was mich sehr erfreute, denn es zeigte mir, dass auch die Verständigung auf Arabisch in ausgewählten Momenten und bestimmten Situationen schon einigermaßen funktioniert.
Nach einer langen Unterhaltung mit allerlei Fragen war mir klar, dass es eine gute Chance für mich darstellt diese Familie für eine Weile zu besuchen.
So verließ ich glücklich und mit einer Tasche voller Kekse zum Abschied, das Haus und machte mich auf den Heimweg.
Morgen werde ich für eine Weile bei ihnen einziehen...
Ich freue mich, habe aber auch ein bisschen Angst!


Bild: Ameer Ghaneim

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