Mar Saba und Hubschrauber
Wieder einmal sitze ich auf meinem Lieblingsdach und genieße die untergehende Sonne. Die Sonne scheint wirklich zu einem Emotionsträger zu werden in diesem Jahr, denn so viele schöne Impressionen – vor allem der Landschaft und des Flairs, haben mit der untergehenden oder aufgehenden Sonne zu tun.Es ist kalter als das letzte mal als ich hier oben saß und es scheint auch sehr viel Zeit dazwischen zu liegen. Es scheinen Jahre zu sein. Am Gesamtbild hat sich nicht viel verändert. An der Mauer wird noch immer fleißig gebaut und gerade eben ist mir aufgefallen, dass auch auf der anderen Seite meines Blickfeldes, in Richtung Har Gilo, der kleinen vorgelagerten Siedlung vor dem großen Gilo, mit einem Militärlager an der Mauer gebaut wird. Ein Bulldozer ist dort dabei einen Sicherheitsstreifen vor der Mauer frei zu räumen wenn mich nicht alles täuscht. Talitha ist ruhig – niemand ist da in dieser eher ruhigen Zeit, den Weihnachtsferien.
Wir vier Talithas sind eben von einem kleinen Ausflug in die Umgebung des griechisch-orthodoxen Kloster Mar Saba zurückgekehrt. Wir waren dort mit Anton, mit welchem ich auch schon zweimal zum Vögel beobachten in Jericho war. Auch dort gibt es verschiedenste Vogelarten und so sind wir heute in einer etwas größeren Gruppe mit allerlei Fotoequipment dorthin gezogen. Seine Kamera und das dazugehörige Objektiv zahlt Anton noch immer in Raten ab und im Grunde fließt dort auch sein gesamtes Geld hinein, in sein Hobby Vögel zu observieren, zu fotografieren und in allerlei Dinge, die mit der Umwelt Palästinas zu tun haben. Auch ein kleineres Teleskop hatten wir aus diesem Grund dabei.
Kameras und Teleskope sind Dinge, die aus israelisch-militärischer Sicht ein Sicherheitsrisiko darstellen da man mit ihnen natürlich nicht nur Vögel beobachten könnte. Wenn Anton also mit Objektiv und anderen Dingen gestoppt und kontrolliert würde, könnte dies ein ziemliches Problem darstellen und wie er es sagte auch zu einer Haftstrafe führen. Für uns als Europäer ist dies natürlich eine andere Sache, denn derlei Equipment in Deutschland zu besitzen stellt generell kein Problem dar.
Das Auto am Kloster, welches am Rande der Wüste gelegen ist, abgestellt flog plötzlich ein Helikopter über uns hinweg. Ein grellgelber, also offensichtlich kein Flugobjekt, welches etwas mit den Sicherheitskräften zu tun hatte, sondern wohl eher von einer Israelischen Umweltbehörde oder Einrichtung. Kein Grund zur Sorge für uns. Nachdem wir aber ein Stückchen ins Wadi, welches am Kloster vorbeifließt, hineingeklettert waren und ich gerade dabei war einen der Hänge zu besteigen um einen besseren Ausblick zu haben flog ein weiterer Helikopter dicht über unseren Köpfen vorbei. Er war diesmal nicht von gelber sondern eher von blau-weißer Farbgebung, welche der israelischen Polizei zu eigen ist. Ganz sicher konnten wir uns dessen nicht sein, aber von diesem Punkt an war mir für eine geraume Zeit etwas mulmig zumute, denn in meinem Kopf malte ich mir allerlei Szenarien aus was die israelischen Sicherheitskräfte wohl von einer Gruppe Ausländer und einem Palästinenser halten konnten, die ein Teleskop und Kameras bei sich trugen.
Für uns hätte all dies keine Folgen, aber da Anton Palästinenser ist wurde mir Angst und Bange. Er selber äußerte wenig Unwohlsein und auch die anderen sahen es nicht als eine ernsthafte Bedrohung an.
Nach einer Weile legte sich das Gefühl wieder, vor allem nachdem uns ein mit seinen Schafen und Ziegen vorbeiziehender Beduine erzählte, dass jeden Tag mehrere Hubschrauber die Gegend überprüften. Im Nachhinein jedoch gab es mir zu denken was dies für eine bizarre Situation ist – dass ich nämlich Angst um uns hatte, weil wir derartiges Equipment bei uns trugen, mit welchem wir nur Vögel und die Landschaft begutachten wollten. Es rief mir einmal mehr in Gedanken, dass wir uns eben nicht in einem Umfeld befinden wo man derartige Dinge einfach so tun kann. Es ist ein Beispiel dafür wie im Grunde enagierte Leute wie Anton, die etwas für die Konservation des reichen Fundus an Flora und Fauna eines Landes wie Palästina/Israel tun wollen beeinträchtigt und behindert werden da es einen Konflikt gibt. Er hat vor der Intifada an zahlreichen Gemeinschaftsprojekten mit Israelis und Palästinensern mitgearbeitet, welche heute aber nicht mehr bestehen, da die zweite Intifada alles zunichte machte.
Anton hat ein Stipendium an der Ben-Gurion-University in Tel Aviv erhalten. Er würde dort gerne „Desert Ecology“ studieren und irgendwann gerne eine „Alternative Tourism“ Organisation in Palästina aufbauen. Leider wurde ihm vom israelischen Militär die nötige Genehmigung dort (Tel Aviv) zu wohnen und Israel zu betreten nicht erteilt.
Uns hat er einen schönen Tag bereitet indem er uns an seinem Wissen teilhaben ließ – ob andere je in den Genuss kommen hängt vom Fortlauf des Konfliktes ab.
Bild: Wolken in der Wüste
kurzer Geschichtsabriss des Klosters des Heilgen Saba
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