Gebildete Flüchtlinge

Gebildete FlüchtlingeIm Laufe meines Aufenthalts hier habe ich meine Meinung im Bezug auf viele Dinge geändert. Meine Meinung wird von immer mehr Geschichten, Meinungen und Erfahrungen beeinflusst. Manchmal ist es sehr schwer objektiv zu bleiben, insbesondere, wenn man von persönlichen Tragödien hört.
Eine Erfahrung vor zwei Tagen möchte ich genauer beschreiben.
Ich war wieder einmal in Deheische um mein eigentlich wöchentliches Jongliertraining zu geben. Ich war dort schon seit einiger Zeit nicht mehr da es im Winter sehr schwierig ist ein Training abzuhalten, denn der einzige Ort an welchem dieses Training stattfinden kann ist der Schulhof der UN-Schule im Flüchtlingslager. Wenn es regnet, schneit oder sehr kalt ist fällt das Training normalerweise aus. Auch standen sehr viele Prüfungen für die Schüler an, sodass sie lernen mussten und keine Zeit hatten zum Training zu kommen.
So war es auch diesmal. Zwar waren einige Kinder da, doch da es sehr kalt war beschloss man die Kinder wieder heim zu schicken. Ich spielt noch ein bisschen Fußball mit einigen von ihnen und ging dann mit einem der „Trainer“, er heisst Mustafa, noch ins Shiraa Center, welches als Büro für die kleine Organisation dient.
Dort tranken wir einen Kaffee und redeten eine Weile.
Zwar hatten wir schon viele Gespräche geführt – jedoch meist über Themen, die sich nicht direkt auf den „großen“ Israelisch-Palästinensischen Konflikt beziehen. Wir redeten über die Konzentrationslager, Judenprogrome und über viele andere Themen, die ich normalerweise nicht so oft auf palästinensischer Seite ankratze.
Was mich so überraschte war die Tatsache, dass Mustafa, welcher Sozialarbeit an der Uni in Bethlehem studiert hatte und jetzt mal hier, mal da arbeitet, extrem viel auch über Themen wusste die sehr tief ins Detail gingen – sehr differenziert erläuterte er mir seinen Standpunkt zu sehr schwierigen Fragen bezüglich Religion und Zionismus.
Egal um was es ging konnte er sehr detailiert seinen eigenen Standpunkt darlegen.
Hier sitzt ein Mensch vor mir, der sehr genau bescheid weiss und keinen Zorn gegen Juden hegt obwohl er so viel durchgemacht hat.
Denoch wird dieser Mensch wohl nie die Möglichkeiten haben, die er anderswo vielleicht hätte.
Von den arabischen Ländern werden die Flüchtlinge auch noch immer als solche behandelt und vielleicht aus diesem Grund auch nicht in die Bevölkerung integriert. Für die israelische Armee sind Flüchtlingslager noch immer die gefährlichsten Gebiete und für die Menschen die dort leben? Sie sind diejenigen, die darunter zu leiden haben, dass sie dort geboren sind. Klar haben die Lager sich vergrößert und manche haben Geschäfte aufgebaut. Aber wie soll man denn aus dem Lager herauskommen, wenn alles was außerhalb der A-Gebiete, welche von der Palästinensischen Autonomie verwaltet werden, gebaut werden soll eine Baugenehmigung des israelischen Militärs benötigt, welche in kaum einem Fall gegeben wird. In welchen Betrieben soll man arbeiten, wenn es keine Wirtschaft in diesem Land gibt und man in den Flüchtlingslagern in den umliegenden Ländern noch immer als Bürger zweiter Klasse behandelt wird.
Auch wenn es viele Menschen gibt, die sich Bildung aneignen und etwas probieren zu ändern, werden genau diese die Leidenden sein, da sie keine Perspektiven haben.

Bild: (in größerer Auflösung unter -Bilder- )
Karte des Mauerverlaufs in der Bethlehemregion
Gelb-orange Stellen sehen unter palästinensischer Kontrolle (außerhalb darf nur mit Genehmigung der Militärbehörden gebaut werden)
Lila stellt israelische Siedlungen in der Westbank dar.

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