Guy Bernstein
Er gab ein Solidaritätskonzert in unserer Schule zu dem viele hohe Persönlichkeiten aus der Umgebung und dem Talitha-Umfeld geladen waren. Vornehmlich waren dies Internationale aus der Jerusalem-Bethlehem-Umgebung, Christen aus Beit Jala und Bethlehem und einige wenige Israelis.
Jakob ist 83 und ist 36 mit seiner Familie aus Deutschland ausgewandert.
Ich habe ihn bei einer Veranstaltung des Willy-Brand-Centers in Jerusalem kennengelernt und wir sind direkt in Kontakt geblieben.
Als pensionierter Anwalt arbeitet er noch im Vorstand von "Aktion-Sühnezeichen-Friedensdienste", welche Deutsche Freiwillige in jüdische Einrichtungen entsenden. Vornehmlich in Altenheime, aber auch in Behindertenkindergärten und auch in Auschwitz oder in einer Gedenkstätte in den Niederlanden gibt es ASF-Volontäre. Generell hat Jakob immer viel Kontakt zu allen möglichen Volontären - aber eben vornehmlich zu welchen, die in Israel arbeiten. Da auch wir durch unsere Arbeit eher mit Palästinensern zu tun haben, war es eine tolle Erfahrung bei ihm zum Essen eingeladen zu sein und seinen Erzählungen zu lauschen.
Für gestrigen Freitag wollten wir uns mal wieder treffen und so ergab es sich, dass ich ihn zum Konzert nach Talitha einlud. Ohne zu überlegen stimmte er zu, zu kommen.
Für Israelis ist es zwar verboten die autonom verwalteten Gebiete zu betreten - jedoch haben sie freien Zugang zu den nicht-palästinensisch-verwalteten Gebieten (unter der Kontrolle des israelsichen Militärs - der Hauptteil der Westbank). Zu diesem Gebiet gehört auch Talitha. Denoch war es für ihn das erste mal seit Jahrzehnten in dieser Gegend, welche nur wenige Kilometer von seinem Wohnort entfernt liegt.
Für mich war es etwas besonderes ihn bei uns zu haben - denn die meisten Israelis würden sich nicht hierher trauen.
Nach dem Konzert stand noch ein kleiner Empfang mit Buffett an und alle versammelten sich um einen kleinen Imbiss und etwas zu trinken zu sich nehmen.
Ich unterhielt mich mit Abu Michelle, der seinen kleinen Laden in unmittelbarer Nähe zu Talitha hat und nachdem ich meinte, dass "ja auch einige Israelis" da seien reagierte er scherzhaft, dass dies ja nicht unbedingt das Beste sei. Diese Reaktion hatte ich von ihm nicht erwartet und sofort kam mir in den Kopf ihm Jakob vorzustellen.
Die beiden unterhielten sich nach kurzem Vorstellen über den gereichten Wein, welcher von einem nahen Kloster kommt und welcher beiden wohl sehr gut schmeckte.
Plötzlich began Jakob zu erzählen, wie er und seine Familie in seiner Kindheit immer zu diesem Kloster wanderten um Wein einzukaufen. Heute wäre dies undenkbar, da es im besetzten Palästina liegt und dieser Gedanke wohl kaum einem jüdischen Israeli in den Sinn kommen würde - auch Abu Michelle war ziemlich überrascht. Für Jakob war es wohl sehr schön, denn das letzte mal, dass er mit seiner Familie dort war und Wein einkaufte war noch vor dem israelischen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 48.
Die Geschichte ging noch weiter als er erzählte, dass sie abschließend immer in ein Restaurant auf dem nahegelegenen Hügel einkehrten, auf welchem jetzt die Siedlung Har Gilo in unmittelbarer Nähe zu Teilen Beit Jalas liegt. Dieses Restaurant war das "Everest" welches es auch heute noch gibt und dessen Inhaber der Bruder unseres Gästehauschefs Walid ist.
Das letzte mal, dass Jakob dort war, war "zwischen den Jahren 36 und 44". Auch Walid freute sich sehr, als er dies hörte.
Als Jakob dann hörte, dass er auch heute wieder ohne Probleme dort essen könne, da es im israelisch kontrollierten C-Teil liegt, lud er mich spontan ein dies einmal zu tun.
So weit würde sich, auch trotz des israelischen Militärs und der relativen Ruhe in Beit Jala, kein (jüdischer) Israeli in die Westbank wagen.
Solche Erfahrungen klingen nach nichts Besonderem, doch wenn man täglich miterlebt wie sich hier Menschen voller Hass und Misstrauen begegnen sind solche Erfahrungen etwas sehr besonderes, denn es zeigt, dass es eine Zeit gab in der die Menschen sich frei und ohne Angst in einem Gebiet bewegten das viele nur aus den Nachrichten kennen und dass es Leute gibt, die es schaffen trotz allem ohne Vorurteile auf die anderen zuzugehen.
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