Eine Woche Aktion

Mehrmals schon durfte ich Zeuge von Einzigartigem in Talitha werden. Wir haben hier Konzerte, mal mit Schülern, mal mit berühmten Musikern und mal mit beiden gemeinsam, Gewaltpräventionsworkshops, Theatheraufführungen, sozialpädagogische Workshops mit der Boarding Section, Umweltaufklärungsunterricht und vieles mehr. Letztes Woche gab es, wohl zum ersten mal in der Geschichte Talithas, einen Musicalworkshop. Innerhalb von einer Woche sollte zusammen mit vier Trainern, Schülern der 8. Klassen aus Talitha Kumi und der Schmids Girls-School in Jerusalem, ein Musical auf die Beine gestellt werden. Singen, Tanzen und Schauspielern -
Solche Workshops laufen hier meist anders ab als in Deutschland, Temperamentunerschiede lassen sie manchmal zu einem rechten Abenteuer werden - in diesem Fall taten Checkpoint und Jerusalem, ihr Restliches.
Eigentlich brauchen Palästinenser unter 16 Jahren keine besondere Erlaubnis um nach Jerusalem zu gelangen. Jedoch müssen sie einen Personcheckpoint in Bethlehem passieren, genau wie alle anderen, die nach Jerusalem möchten und keine israelische ID besitzen. Was sonst noch ein Stein im Weg sein kann, ist die Aufsichtsperson, die bei einem von der Schule organisierten Event natürlich nicht fehlen darf. Leider brauchen diese eine Genehmigung um nach Jerusalem zu gelangen - welche sie auch prompt nicht bekamen. So blieb nur noch ich als Aufsichtsperson übrig, zumindest für die meiste Zeit.
Morgens reihen sich lange Schlangen vonTagesarbeitern, Angestellten, Bauarbeitern und allerlei anderer in Jerusalem Beschäftigter am Checkpoint in Bethlehem um nach Jerusalem zu gelangen - dies kann mehrere Stunden dauern und wenn gerade ein Feiertag ansteht, wie in der vergangenen Woche, so ist für Palästinenser kein Durchkommen. Aus diesen Gründen stand für uns fest, dass wir es uns nicht leisten können, um nach Jerusalem zu kommen, mehrere Stunden an einem Checkpoint zu verbringen oder den Workshop, der auf vier Tage angesetzt war, für einen Tag vollkommen auszusetzen.
Die andere Möglichkeit, die uns blieb, nutzten wir auch sogleich - ein Autocheckpoint, den eigentlich nur Palästinenser mit einem israelischen Pass und Ausländer nutzen können. So postierten sich jeden Tag zwei oder mehr von uns Ausländern, in vorderster Reihe unseres Reisebusses und tagtäglich wurden wir, nachdem der Busfahrer die Tür am Checkpoint öffnete gefragt wer im Bus sitze. Jeden Tag wurden wir durchgelassen, das ein oder andere mal vielleicht auch mit einiges an gutem Willen von der Seite der Soldaten.

Damit begann der Kampf aber erst - dass sie am Checkpoint zu gehorchen hatten und ruhig sein sollten, verstanden die meisten Schüler, warum man aber dem nur wenige Jahre älteren Volontär (die meisten Teilnehmenden waren zwischen 13 und 14 Jahren alt), zuzuhören habe, ging nicht in die Köpfe der meisten.

So waren diese fünf Tage ein Lernprozess für beide Gruppen - die Gruppe Peer, bestehend aus mir und einigen schwachen Vorstellungen wie man sich mit 14 verhalten sollte - und die Gruppe 8a, 8b und 8c, bestehend aus 30 Schülern und dem Wissen, dass man sich einiges erlauben konnte.

Meine Bilanz konnte sich sehen lassen. Am Ende des Tages schienen mir gerade mal nur 8 Schüler abhanden gekommen zu sein, die ich drei Straßenecken weiter bei einem Sandwich-Stand wiederfand. Damit began der Kampf aber erst.
Als Schüler noch habe ich mich selber immer irgendwie jeglicher Kontrolle entzogen und heute bin ich in der umgedrehten Position.
Es stellte sich nämlich die Frage "Dürfen die Schüler etwas vom Laden kaufen"
Prinzipiell spricht nicht viel dagegen die Schüler kurz vor dem einsteigen oder in den Pausen kurz etwas einkaufen zu lassen - wenn sich daraus nicht eine Prinzipfrage entwickelt hätte... Hier rennt nochmal schnell einer weg, hier probiert nochmal jemand ein Eis zu kaufen...
Wie kriegt man jetzt diese Rasselbande dazu einen zu respektieren?

Der erste Tag hatte dann zur Folge, dass ich am Zweiten niemanden mehr fortgehen lassen wollte, sondern ihnen Dinge vom Laden hole, damit sie wenigstens immer irgendwie unter der Kontrolle der Trainer bleiben. Es sollte nicht wirklich funktionieren und so fehlten bei abfahrbereitem Bus wieder drei Mann, was mich wohl als einzigsten irgendwie aufregte. Wohl oder übel bekamen die Schüler, nachdem sie zurückkamen dies zu spüren. Das erste mal an diesen zwei Tagen war es ruhig um mich herum und einzelne begannen ihre wohlbekannten "Sorrys" loszuwerden.
Mittwochs wurde ein Training in Talitha Kumi eingelegt, so dass ich nicht viel mit dem Ganzen zu tun hatte...
Und denoch, wer hätte es gedacht, der Donnerstag brachte zuckersüße Schüler, die wohl merkten, dass ich wirklich ziemlich böse war. Zwei, die es nicht ganz verstanden verließen trotzdem das Gelände... und flogen raus. Dass es gerade die beiden waren, welche am wenigsten am gesamten Programm teilnahmen bestätigte die Entscheidung.
Da sie mir das wohl trotzdem nicht ganz abnahmen standen sie, wie zu erwarten am darauffolgenden Tag wieder da und wollten mitfahren. Schlecht habe ich mich schon irgendwie gefühlt sie heim zu schicken...zum ersten Mal in der gesamten Woche hatten sie keine große Klappe mehr.
Für die anderen Schüler ging es zur letzten Probe vor der großen Aufführung, nach Jerusalem. Es verging ein wunderbarer Tag. Man hörte auf mich und die gelungene Aufführung brachte fröhliche Kinder hervor, die sich friedlich heimkutschieren ließen.


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